Donnerstag, März 17, 2005

 

Überflüssig: Vitamin E

Die Wellness-Experten der UC Berkeley raten seit Februar 2005 von Vitamin-E-Pillen ab.

»There’s little or no clinical research showing that vitamin E supplements are beneficial. Nearly all the clinical trials on E from the past few years have yielded negative, inconclusive, or neutral results. Thus, we no longer recommend supplements.«

Auf Deutsch: Klinische Studien ergaben nur wenig oder gar KEINEN HINWEIS darauf, dass Vitamin-E-Gaben NÜTZLICH sind. Nahezu alle Studien der letzten Jahre erzielten negative, unschlüssige oder neutrale Ergebnisse. Aus diesem Grund werden Vitamin-E-Nahrungsergänzungsmittel nicht länger empfohlen.

Die häufig (in der Boulevardpresse) zitierte Studie des "John Hopkins Medical Institute" vom November 2004, nach der angeblich das Risiko für für Herz-Kreislauferkrankungen durch hohe Dosen STEIGE, führte nicht zu einem Sinneswandel der Wissenschaftler. An dieser Studie, die es regelmäßig in die Schlagzeilen schafft, bemängelte man, dass sie keine neue wissenschaftliche Untersuchung im eigentlichen Sinne handelt, sondern um eine Meta-Studie, deren Ergebnis weiterhin bezweifelt wird.

Die bisherigen Untersuchungen legen die Vermutung nahe, dass Vitamin E (alpha-Tocopherol) überhaupt KEINEN Effekt auf den Menschen habe, so der Wellness Guide to Dietary Supplements der UC Berkeley.

Anm. Eine kritische Analyse der John Hopkins Metastudie leistete Brignell.

Dienstag, März 08, 2005

 

Frauenprügler

Eine Demonstration von ca. 150 Personen zum Weltfrauentag in Ankara wurde von der Polizei blutig niedergeknüppelt. 63 Personen, die "Gleichen Lohn für gleiche Arbeit" forderten, wurden festgenommen. Ein Sprecher der EU zeigte sich "schockiert", die Türkei "bedauert" den Vorfall. Soviel zur zugesicherten "Null-Toleranz" gegenüber Polizeiwillkür. Der EU-Repräsentant in Ankara, Hansjörg Kretschmer, monierte nach Berichten der Frankfurter Rundschau, neben dem Stillstand der türkischen Reormbemühungen auch ganz explizit Rückschritte: insbesondere in der Meinungs- und Pressefreiheit.

In der taz erschien die untenstehende Analyse der Vorfälle in der Türkei, ansonsten verschwand das Thema ziemlich schnell aus den Schlagzeilen.

Ozan Ceyhun: Die Europäische Union ist diesen Leuten [den prügelnden Polzisten, hobe] piepegal. So was passiert in der Türkei jeden Tag. Das Verhalten der Polizei hängt allein davon ab, wer gerade den Einsatzbefehl hat. Erst am Samstag wurden in Ankara Demonstranten festgenommen. Meist erfährt die Öffentlichkeit halt nichts davon.

taz: Also haben die viel gepriesenen Reformen nicht gegriffen?

Ceyhun: Man kann das System nicht demokratisch machen, ohne die Strukturen zu ändern. Die jungen Polizisten werden jetzt gut ausgebildet. Aber die Chefs sind die alten geblieben, die gleichen Leute, die Folter für ein zulässiges polizeiliches Mittel halten.

taz: Wie sollte die EU angesichts dieser Strukturprobleme mit der Türkei umgehen?

Ceyhun: Die EU müsste viel konsequenter sein. Von dieser Regierung werden Dinge akzeptiert, die man bei keinem anderen Kandidatenland hinnehmen würde.

Sonntag, März 06, 2005

 

Tyrannophilie

Dass und wie gern Monsieur Michel Foucault es mit dem islamistischen Tyrannen Ajatollah Khomeni hielt, berichtet ausführlich und mit philologischer Strenge Jörg Lau im »Merkur«.

»Welche Bedeutung«, fragt Foucault am Ende seines Essays im Nouvel Observateur, »hat für die Menschen, die dort leben, jenes Ziel, das sie selbst um den Preis ihres Lebens anstreben und dessen bloße Möglichkeit bei uns seit der Renaissance und den großen Krisen des Christentums in Vergessenheit geraten ist, das Ziel einer politischen Spiritualität nämlich? Ich höre bereits, wie manche Franzosen lachen, aber ich weiß, dass sie Unrecht haben.«

Manchem Franzosen war nach Lektüre dieses Artikels allerdings nicht zum Lachen zumute. Der führende französische Islamexperte Maxine Rodinson antwortet Foucault im Dezember 1978 auf der ersten Seite von Le Monde mit einem langen Essay über Das Erwachen des islamischen Fundamentalismus. Was dem Iran bevorstehe, befürchtet Rodinson, sei ein »semi-archaischer Faschismus«.(5) Und eine iranischstämmige Leserin aus Paris beschwert sich in einem Brief an das Magazin: »Spiritualität? Rückkehr zu den Quellen des Volkes? Saudi-Arabien trinkt von der Quelle des Islam. Die Hände und Köpfe von Dieben und Liebenden rollen. Man möchte meinen, dass für die abendländische Linke in Humanismusnöten der Islam erwünscht ist … bei den anderen! Viele Iraner, darunter ich selbst, sind angesichts der Idee einer ›islamischen Regierung‹ ratlos und verzweifelt. Sie wissen, wovon sie reden. Überall im Umkreis des Iran dient der Islam als Wandschirm der feudalen oder pseudo-revolutionären Unterdrückung. Häufig ist der Islam leider auch, wie in Tunesien, in Pakistan, in Indonesien und bei uns, das einzige Ausdrucksmittel geknebelter Völker. Die liberale Linke des Abendlandes sollte wissen, zu welcher Bleiglocke das islamische Gesetz für entwicklungsbereite Gesellschaften werden kann und sich nicht durch ein Heilmittel verführen lassen, das vielleicht noch schlimmer ist als das Übel.«

Die Antwort Foucaults auf diesen hellsichtigen Brief einer Frau, die ihr Heimatland von der einen in die nächste Barbarei schlittern sieht, ist infam: Foucault stellt die Leserin als Islamhasserin hin und salviert seine eigenen Oden an den kommenden islamischen Staat durch die Bemerkung, er habe schließlich auch »auf mehrere Elemente hingewiesen, die mir wenig vertrauenerweckend erscheinen«. Sein Vertrauen ist aber immerhin nicht so weit erschüttert, daß er darauf verzichten würde, den Ajatollah auf dem Pariser Flughafen zu verabschieden, als dieser am 1. Februar 1979 seine Rückreise in den Iran antritt.

Die Wahrheit ist, dass ihn eigentlich nicht mehr interessiert, welche politische Ordnung aus der »Erhebung« folgt. Hat es ihn je interessiert? Die Revolte an sich sei es, die ihn fesselt, sagt er jetzt.


Für eine »kollektive Denkschwäche« hält Dr. Christian Köllerer den Kniefall vor Foucault, ich halte das für milde ausgedrückt.

Mittwoch, März 02, 2005

 

Opinion Sharing

In der Frankfurter Rundschau meinen zwei das Gleiche: »Die orange Revolution in der Ukraine war ein erster Schritt zur Herausbildung einer modernen Nation, meinen Claudia und Uwe Dathe«, schrieb der Perlentaucher.

Gibt es eigentlich für solche doppelt unterschriebenen Beiträge einfaches oder halbes Geld von der VG Wort? Ich habe Bedenken, gegen die doppelte Unterschrift und die doppelte Autorschaft. (Ich hatte viele Mitautoren an der Universität, die meine Mathe-Arbeiten gerne auch noch unterzeichneten! Gruppenarbeit hieß das!)

Also wer spricht und wer stimmt zu? Wem ist es zuerst eingefallen? Wer ist Genie, wer Claqueur? (Ossi-O-Ton: »Ich schließe mich der Meinung meines Vorredners an.«) Wer ist Mastermind, wer Strohmann?

Gut, der Satz, der dabei herauskam, stinkt aus dem Mund nach dem fauligen Flair von Plemumsdiskussionen. Ein erster Schritt? Gibt es noch einen zweiten? Ein bisschen schwanger?

 

Frau Antje singt Käse aus Deutschland

Aus der Süddeutschen:
SZ: Wäre die französische Quote mit vierzig Prozent inländischer Musik ein Vorbild für Deutschland?

Vollmer: Wie hoch eine solche Quote schließlich läge, darüber muss man diskutieren. Ihr Erfolg in Frankreich ist daran messbar, dass der Anteil der inländischen Musik an den Charts rapide gestiegen ist.

Da zeigt sich: Man muss dem Publikum nur Gelegenheit geben, vom Musikangebot aus dem eigenen Land überhaupt zu erfahren.

In Deutschland ist es derzeit so, dass das Publikum in den Radioprogrammen bis auf wenige Ausnahmen nicht erfährt, welche musikalische Vielfalt und Qualität es im Land gibt. Weil die Sachen nicht gespielt werden.


1 Verfassungswidrigkeit oder Verfassungsfeindlichkeit? Das muss man sich mal vorstellen, eine kleine deutsche, extremistische Partei möchte den Radiosendern vorschreiben, welche Musik sie zu spielen haben. Das ist ein massiver Eingriff in die Pressefreiheit. Wie sollte das denn verwirklicht werden? Gibt es dann eine Kulturbehörde, die die Sendelisten durchflöht und Bußgeldbescheide verschickt? DAS ist dann mal richtige Zensur! Und wie heißt es im Grundgesetz? »Eine Zensur findet nicht statt.«

1b Ich finde es schon suspekt, wie man im 21. Jahrhundert nur auf den Gedanken kommen kann, dem Volk die Volksmusik zu verschreiben. Das ist autoritäres 19. Jahrhundert, das ist der Biedermeier. Wie kommt man dazu, sich ein solches Recht herausnehmen zu können. Das ist doch nicht Volksvertretung, das ist Volksbelehrung, Volksbesserung, das ist eine absolutistische Haltung! (Ich sage hopp, und ihr springt.)

2 Der PROTEKTIONISTISCHE Wirtschaftsaspekt entstammt auch der untergegangenen Ära des Absolutismus. (Die in der Regel an der verfehlten Haushaltspolitik zuende ging, und nicht an sozialen Fragen.)

3 Die Widersprüchlichkeit! Ich sehe da einen Widerspruch innerhalb der Bündnis90/Grünen-Politik. Bei ukrainischen Prostituierten wird im "Zweifel für die Reisefreiheit" entschieden, aber amerikanische Pop-Musik muss draußen bleiben.

4 Dieses krude Argument. In Land A gibts die Quote, in Land A steigt die einheimische Musik in den Charts. Schlussfolgerung: WEIL Quote, DESTO höher in den Charts. Implizite Schlussfolgerungen: DESTO MEHR werden verkauft, desto mehr Steuereinnahmen.

Mal kurz nachdenken: Wer kauft denn noch CDs im Laden? Es wird doch schwarzgebrannt "dass die Heide wackelt". Diese ganzen Maßnahmen führen, wie bei der Tabaksteuer, doch nur zu einer Schattenwirtschaft, Schwarzmärkten etc.

 

Römer Go Home

1 Ähnlich wie in Monty Python’s Leben des Brian korrigiert Bastian Sick vom Zwiebelfisch ein Graffiti. Ach könnte er den deklinierenden Delinquenten nur am Ohr ziehen: Ein Deutscher, der Deutsche, etc.

2 Es gibt ein anscheinend ein Aufkärungsrevival in den Staaten. Dort versucht sich der übrig gebliebene, nicht-reaktionäre Haufen auf seine demokratischen Wurzeln zu besinnen. (Anders als in Good Ol’ Germany. Antje "Toleranz" Vollmer ließ sich im schwarzen Kopfzu-Araberkittel fotgrafieren. Und das Kant-Jahr ging ja irgendwie unter.) Voltaire scheint in den Staaten schwer angesagt zu sein, man unterscheidet a) den jungen Skandalautor Voltaire, b) den reifen Wissenschaftler Voltaire und c) den späten Propagandisten der Menschenrechte. (Hierzulande hat Voltaire keine Chance, sexistische Aussagen über Frauen und irgendwie nicht relevant für Gender & Cultural Studies. Schade eigentlich)

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